Liebeshormon Oxytocin zur Therapie einer Alzheimer-Demenz

Trotz intensiver Forschung bleibt die Alzheimer-Demenz weiterhin voller Rätsel. Zwar gibt es Hinweise, dass die damit verbundenen Beta-Amyloid-Ablagerungen die „synaptische Plastizität“ im Hippocampus (Lern- und Gedächtniszentrum des Gehirns), herunterfahren 1, also damit das Lernen erschweren.  Andererseits lassen sich im Hirngewebe vieler Verstorbener deutliche Amyloid-Ablagerungen nachweisen, ohne dass sich bei solchen Personen zu Lebzeiten irgendwelche dementiellen Symptome bemerkbar gemacht hätten 2.

Nun sorgt eine aktuelle Studie (Tierversuch) zum Hormon Oxytocin für Aufsehen, nachdem es dort gelungen ist, die synaptische Plastizität bei Alzheimer wieder herzustellen 3. Dies hat eine immense Bedeutung, weil der Auf-, Umbau und die Erweiterung von synaptischen Nervenverbindungen für Lernen und Gedächtnis essentiell sind. Bisher gab es aber nur Hinweise, dass das „Kuschelhormon“ Oxytocin, welches die Bindung zwischen Mutter-Kind verstärkt, das Erinnerungsvermögen gesunder Personen nicht etwa verbessert, sondern verschlechtert 4.

Für die nicht gerade vom Erfolg gekrönte Alzheimerforschung, die man auch als ein einziges Desaster bezeichnen kann, eröffnet sich mit Oxytocin nun ein völlig neuer und erfolgversprechender Therapieansatz.

Referenzen 1 Chen QS, GKagan BL, Hirakura Y et al. Impairment of hippocampal long-term 3potentiation by Alzheimer amyloid ß-peptides. J Neurosci Res. 2000; 69: 65-72  //   2 Jack Jr CR, Albert MS, Knopman DS et al. Introduction to the recommendations from the National Institute on Aging-Alzheimer’s Association Workgroups on Diagnostic Guidelines for Alzheimer’s disease. Alzheim Dement. 2011; 7: 257-362  //  3  Takashashi J, Yamada D, Ueta Y et al. Oxytocin reverses Aß-induced impairment of hippocampal synaptic plasticity in mice. Biochem Biophys Res Com. 2020; 258(2): 174  /  4 Heinrichs M, Meinlschmidt G, Wippich W et al. Selective amnesic effects of oxytocin on human memory. Physiol Behav. 2004; 83: 31-38

RK 23.10.2020


The Longevity Week

Taking place 9 – 13 november 2020 virtually  / Eine Initiative des Longevity Forum  /  https://thelongevityforum.com

RK 15.10.2020


L-Arginin gegen Reizdarm & Konsorten

Nicht nur die Colitis ulcerosa oder  Morbus Crohn, sondern auch ein Reizdarm  1, zeichnen sich durch Entzündungen an der Darmschleimhaut aus. In einer aktuellen Studie kommt man nun zum Ergebnis, dass es wegen eines  Mangels der semi-essentiellen Aminosäure L-Arginin,  zu einer verstärkten Entzündung an der Darmschleimhaut kommt 2.

L-Arginin ist ein zentraler intestinaler Metabolit, welcher durch die Enzyme Arginase (Arg1)  und NOS2 zu Ornithin und Harnstoff umgewandelt wird. Ornithin ist ein Precursor (Vorläufer) für die Synthese von Polyaminen und Prolinen. Diese sind  z.B. an der Zellproliferation und Kollagen-Synthese beteiligt. Polyamine werden aber nicht nur durch Säugetierzellen synthetisiert,  sondern auch durch Mikroorganismen. Einige Bakterienarten des Darms nutzen sogar ausschließlich  den L-Arginin-Pool des Menschen, um selbst zu überleben 3  . NO wiederum verfügt über potente immunrelulatorische Eigenschaften und stimuliert die  Durchblutung der Darmschleimhaut und auch die Produktion von Schleim. Dementsprechend beeinflusst L-Arginin die Zusammensetzung des intestinalen Mikrobioms (Mikrobiota) und hat auch einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf einer Darmentzündung

So hat ein Mangel an L-Arginin eine vermehrte Ansammlung von Entzündungszellen  und Blutgefäßen in der Darmschleimhaut zur Folge und verstärkt das dortige Entzündungsgeschehen. Eine Arginin-reiche Diät fördert dagegen die  Diversität (Vielfalt / Reichhaltigkeit) des Mikrobioms – was eine beschleunigte Rückbildung einer Darmentzündung zur Folge hat.

Es ist damit nicht ausgeschlossen, dass die  Supplementierung mit Wal-und Erdnüssen, Mandeln, Sojabohnen, frischen Kürbiskernen,  Linsen, Weizenkeimen etc.,   die einen hohen Arginingehalt besitzen 4 ,  in direkter Konkurrenz zu  herkömmlichen Mitteln gegen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen stehen.

Referenzen  1 Shulda R, Ghoshal U. Ranjan P. Ghoshal UC. Expression of toll-like receptors, pro-, and anti-inflammatory cytokines in relation to gut microbiota in irritable bowel syndrom: the evidence for its micro-organic basis. J Neurogastroenterol Motil. 2018; 24(4): 628-642  //  2 Baier J, Gänsbauer M, Giessler C et al. Arginase impedes the resolution of colitis by altering the microbiome and metabolome. J Clin Invest. July 28, 2020; ; https://doi.org/10.1172/JCI126923  //  3  Di Martino ML, Campilongo R, Casalino M et al. Polyamines: emerging players in bacteria-host interactions. Int J Med Microbiol. 2013;303(8): 484–491 //  4 Deutsche Gesellschaft für Ernährung

RK 14.10.2020


Verjüngung und Lebensverlängerung durch ein Supplement aus der Bodybuilding-Szene

Weil hartes körperliches Training den Glutamatspiegel senkt, ist das Supplement Alpha-Ketoglutarat (AKG), aus dem zusammen mit Stickstoff (NH3) Glutamat entsteht, im Leistungssport und Bodybuilding  nicht ganz unbekannt 1. Denn Glutamin steigert die endogene Glukoseproduktion, so dass für die muskuläre Kontraktion mehr Energie zur Verfügung steht, was dann auch für die Erholungsfähigkeit nach einem harten Training eine wichtige Rolle spielt 2. In Verbindung mit Ornithin kann AKG z.B. den Proteinverlust verbessern und regt auch die Proteinsynthese an 3.

Eine aktuelle Studie zu diesem  Zwischenprodukt des Energiestoffwechsels sorgt nun für einige Aufmerksamkeit. Denn offensichtich durchliefen damit Labormäuse einen Jungbrunnen , was man daran sah, dass sich ihre Lebenszeit verlängerte 4. Zwar ähnelt  diese Wirkung  dem in der Anti-Aging-Szene hochgeschätzten Rapamycin 5 oder auch dem Anti-Diabetikum Metformin 6. Nur handelt es sich bei AKG um eine natürliche Substanz, deren Synthese auch im menschlichen Körper erfolgt. Zwar war schon in einer früheren Untersuchung eine Lebenszeitverlängerung um mehr als 50 Prozent aufgefallen 7. Nur handelte es sich seinerzeit um Würmer  und um keine Säugetiere.

Die Laborexperimente wurden mit älteren Mäusen durchgeführt, deren Futter zu 2 % aus eben diesem AKG bestand. Schon nach wenigen Monaten war festzustellen, dass ihr  Fell dunkler war und  heller glänzte als bei ihren unbehandelten Artgenossen. In einem standardisierten  „Gebrechlichkeitstest“, der so Dinge untersucht wie Hörvermögen, Gang, Griffstärke, Haarfarbe usw. schnitten sie um 40 % besser ab. Die Weibchen lebten dabei durchschnittlich um 8 – 20 % länger. Der dahinter stehende Wirkmechanismus dürfte darin zu suchen sein, dass AKG offensichtlich ein Molekül produziert, welches das allfällige Entzündungsgeschehen im Körper minimiert.

Ob  sich diese Wirkung auch auf Menschen übertragen lässt, ist allerdings schwer zu sagen, nachdem entsprechende Humanstudien fehlen. Wer jedoch nicht warten will, kann sich aber schon heute mit einem entsprechenden Supplement versorgen 8

Referenzen: 1 Newsholme EA, Castell LM. Can amino acids influence exercise perfomance in athletes. In: Steinacker JM, Ward SA. The physiology and pathophysiology of exercise tolerance, Plenum Press, London, New York: 1996: 269-274  //  2 Iwashita S, Williams P, Jabbour K et al. Impact of glutamine supplementation on glucose homeostasis during and after excercise, J Appl Physiol. 2005; 99: 1858-1865  // 3 Hammarqvist F, Wernerman J, von der Decken A, Vinnars E. Alpha-ketoglutarate preserves protein synthesis and free glutamine in skeletal muscle after surgery, Surgery. 1991;109: 28-36  //  4 Shahmirzadi AA, Edgar d, Liao CY et al. Alpha-Ketoglutarate, en endogenous metabolite, extends lifespan and compresses morbidity in aging mice. Cell Metabol. 2020: 32(3): 447-456  //  5 Johnson SC, Kaeberlein M. Rapamycin in aging and disease: maximizing efficacy while minimizing side effects. Onctotarget. 2016; 7(29): 44876-44878  //  6  Glossmann HH, Lutz OMD. Metformin and Aging: a review. Gerontology. 2019; 65: 581-590  //  7 Chin RM, Fu X, Pai MY et al. The metabolite alpha-ketoglutarate extends lifespan by inhibiting the ATP synthase and TOR. Nature. 2014; 510(7505): 397-401  //  8  LifeTabs™ / LifeAKG™. Ponce de Leon Health Inc. Fernandina Beach, Fl, USA.

RK 11.09.2020


Ist nachlassendes Gedächtnis ein ausreichender Grund,  sich von seinen überschüssigen Pfunden zu trennen ?

Eine aktuelle Studie dürfte bei all den Genießern für etwas Missmut sorgen, deren Leibesfülle vermuten lässt, gutes und reichliches Essens sei der Mittelpunkt dieses hedonistischen Strebens . Denn offensichtlich scheint Übergewicht das Risiko für die Entstehung eines dementiellen Syndroms zu erhöhen 1. Immerhin zeigten  Hirnscans (SPECT)  an über 17 000 Menschen, wie mit steigendem BMI (Body-Mass-Index) eine fast lineare Abnahme ihrer Hirndurchblutung beginnt. Und dies vor allem in Hirnteilen wie dem  Hippocampus („Gedächtnis“), den Temporal- („Weitergabe von Gedächtnisinhalten“) und Parietallappen („Rechnen, Schreiben, Orientierung“)  und dem Gyrus cinguli („Entstehung und Verarbeitung von Lern- und Gedächtnisprozessen“), die alle auch bei Morbus Alzheimer eine Rolle spielen. Dies hatte sich schon in einer Studie mit Profisportlern angedeutet, bei denen es nach ihrem  Rücktritt vom Sport zu einer erheblichen Gewichtszunahme kam und in der Folge mit einer kognitiven Verschlechterung korrelierte 2. Auch bewies ein systematisches Review, dass Gewichtsverlust den geistigen Zerfall zu verzögern scheint 3. Bleibt für Dicke also nur der Trost, zumindest am Arbeitsplatz mit einer höheren Überzeugungskraft zu brillieren  4.

Referenzen:  1 Amen DG, Wu J, Nobel G, Newberg A. Patterns of regional cerebral blood flow as a function of obesity in adults. J Alzheimer Dis. 4 Aug 2020; pre-press 1-7  //  2 Willeumier K , Taylor DV , Amen DG. Elevated body mass in National Football League players linked to cognitive impairment and decreased prefrontal cortex and temporal pole activity. Transl Psychiatry. 2012; 2, e68– // 3 Honea RA , Szabo-Reed AN , Lepping RJ et  al. Voxel-based morphometry reveals brain gray matter volume changes in successful dieters: Brain volume changes in successful dieters. Obesity. 2016;  24: 1842–1848  //  4 Kniffin KM, Bogan VL, Just DR. Big men in the office: the gender-specific influence of weight upon persuasiveness. PLoS One. 2019; 14(11): e0222761

RK 21.08.2020


Streit um Meinungshohheit – Vegetarierer möglicherweise Opfer unsolider Studien

Laut einem aktuellen Artikel im Deutschen Ärzteblatt 1, dürfte die Debatte, ob Fleichkonsum noch zu rechtfertigen sei, auf unsoliden Studien sowie auf Ernährungsmythen und „Fake News“ basieren. Zwar erhöhte sich nach einer „repräsentativen“ Kohortenstudie, in der insgesamt 29 682 Patienten, die über 19 Jahre durchschnittlich zweimal wöchentlich unverarbeitetes rotes  oder verarbeitetes Fleisch (Wurst) konsumierten, die Inzidenz einer kardiovaskulären Mortalität um 3 % 2. Allerdings hat ein dort angegebenes relatives Risiko von 1,03 (95-%-Konfidenzintervall 1,01 – 1,06) schlichtweg keine Aussagekraft. Dieser Streit kulminiert inzwischen mit in der Wissenschaft unüblich diffamierenden Angriffen auf 18 Autoren, die es gewagt haben,  in insgesamt 9 Metaanalysen / Reviews  die Empfehlungen für eine Reduktion des Fleischkonsums anzuzweifeln 3,4.  Denn das ernüchternde Ergebnis all dieser Untersuchungen war, dass es – nach streng evidenzbasierten Kriterien – keine ausreichenden wissenschaftliche Belege gibt, die es rechtfertigen, Empfehlungen für eine fleischfreie Kost auszusprechen 5,6,7,8,9,10,11 .

Warum sich dies zu solch verhärteten Fronten aufgeschaukelt hat,  dürfte mit einem schwerwiegenden Interessenkonflikt der Fleischgegner um die „True Health Initiartive (THI) zusammenhängen: Denn offensichtlich scheinen diese Forschungsgelder und ein Sponsoring von Lebensmittelkonzernen pflanzlicher Produkte erhalten zu haben 12.  Auch lassen sich bei der Erhebung von Ernährungsgewohnheiten systematische Fehler nicht verhindern. Denn Menschen, die sich „gesund“, nämlich fleischlos bzw. vegetarisch ernähren, pflegen in der Regel  auch ansonsten gesunde Verhaltensweisen (Sport, Nichtrauchen). So bleibt für die Zukunft nur zu hoffen, dass wissenschaftliche Evidenz und -Ethik die Oberhand behalten.

Wegen des wachstums- und entwicklungsbedingt hohen und spezifischen Nährstoffbedarfs gilt das vor allem auch für Kinder, da für diese unter vegetarisch / veganer Ernährung ein erhebliches Risiko besteht, dass einzelne Nährstoffe  nur in kritisch knapper Menge oder nur unzureichend zugeführt werden 13. So wird von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) von einer rein pflanzlichen, veganen Ernährung im gesamten Kinder- und Jugendalter abgeraten 14.

Referenzen 1 Kolb G, Bokemeyer C, Wedding U. Fleischfrei gesund und klimafreundlich essen – die Evidenz fehlt. Dt. Ärzteblatt. 6. Juli 2020; 117(28-28): B1184-B1188  //  2 Zhong VW, Van Horn L, Greenland P, et al.: Associations of Processed Meat, Unprocessed red meat, poultry, or fish Intake with incident cardiovascular disease and all-cause mortality. JAMA Intern Med 2020: e196969.  //  3 Britto B: Big beef: Texas A&M chancellor urges Harvard to investigate faculty over meat papers scandal. Houston Chronicle vom 22. Januar 2020. https://www.houstonchronicle.com/news/ houston -texas/houston/article/beef-Texas-A-M-Harvard-meat-study-14996307.php (last accessed on 12 March2020  //  4 AGDAILY Staff: Texas A&M’s chancellor calls on Harvard to look into faculty’s beefscience ethics. 22. Jan 2020. https://www.agdaily.com /livestock/texas-amcalls-on-harvard-faculty-meat-science-ethics/ (last accessed on 12 March 2020)  //  5 Zeraatkar D, Johnston BC, Bartoszko J, etal.: Effect of Lower Versus Higher Red Meat Intake on Cardiometabolic and Cancer Outcomes: A Systematic Review of Randomized Trials. Ann Intern Med 2019; 171 (10):721–31  //  6 Zeraatkar D, Han MA, Guyatt GH, et al. Red and processed meat consumption and risk for all-cause mortality and cardiometabolic outcomes: A Systematic Review and Meta-analysis of cohort Studies. Ann InternMed 2019; 171 (10): 703–10  //  7 Han MA, Zeraatkar D, Guyatt GH, et al. Reduction of red and processed meat Intake and cancer mortality and incidence: A systematic Review and meta-analysis of cohort studies. Ann Intern Med 2019; 171(10): 711–20  //  8  Johnston BC, Zeraatkar D, Han MA, et al. Unprocessed red meat and processed meat consumption: Dietary Guideline Recommendations from the nutritional Recommendations (NutriRECS) Consortium. Ann Intern Med 2019; 171 (10): 756–64  //  9 Vernooij RWM, Zeraatkar D, Han MA, et al. Patterns of red and processed meat consumption and risk for cardiometabolic and cancer outcomes: A systematic Review and Meta-analysis of cohort Studies. Ann Intern Med 2019; 171 (10): 732–41 //  10 Valli C, Rabassa M, Johnston BC, et al. Health-related values and preferences regarding meat consumption: A mixed-methods systematic review. Ann Intern Med 2019; 171 (10): 742–55  // 11 Carroll AE, Doherty TS: Meat consumption and health: food for thought. Ann Intern Med 2019; 171 (10): 767–8  //  12 Rubin R: Backlash over meat dietary recommendations raises questions about corporate ties to nutrition scientists. JAMA 2020. doi:10.1001/jama.2019.21441  //  13 Prell C, Koletzko B. Restriktive Diäten. Gefahr einer Fehlernährung und Möglichkeiten der Prävention. Monatsschr Kinderheilk. 2014; 162: 503-510  //  14 Richter M, Boeing H, Grünewald-Funk D et al. Vegane Ernährung. Position der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Ernähr Umschau. 2016; 63: 92-102

RK 20.07.20


Doppelt gemoppelt hält besser – Die Eizelle entscheidet offensichtlich, welches Spermium zu ihr passt

Bekanntlich entscheiden Immunitäts-Gene bzw. der Major Histacompatibility Complex MHC, welche sich auch in unserem individuellen  Körpergeruch äußern,  wer für uns als Partner geeignet ist – also wen wir „gut riechen können“ 1. Aber als ob das noch nicht  reicht, scheint nun auch noch die Eizelle darüber zu bestimmen, welches Spermium das Rennen macht. Denn in einer aktuellen Studie ließ sich nun nachweisen, dass die Follikelflüssigkeit über  „Lockstoffe“ (Chemotractants)  falsche Fährten legt und damit nur das besondere Spermium an sich heranlässt, welches zu einem (halbwegs) erwünschten genetischen „Matching“ passt 2. Also quasi ein zweites Filtersystem, ob die DNA der Frau und des Mannes miteinander kompatibel sind. Dies könnte auch  einen möglichen Erklärungsansatz bieten, warum einige Paare nur durch künstliche Befruchtung Kinder bekommen können.

Referenzen: 1 Chaix R, Cao C, Donnelly P. Is mate choice in humans MHC-dependent ? PLoS Genet. 2008; 4(9): e1000184  //  Fitzpatrick JL, Willis C, Devigili A et al. Chemical signals from eggs facilitate cryptic female choice in humans. Proc R Soc. 2020 June 10; 287(1928): 20200805

RK 17.07.20


Jugendliches Blutplasma für ältere Coach-Potatoes

Im Gegensatz zum Genom einer Zelle, handelt es sich beim Proteom, also der Gesamtheit aller Proteine, um eine äußerst dynamische Größe. Z.B. lässt sich mit einer Proteom-Analyse nicht nur bestimmen, ob eine Erkrankung droht, sondern auch, wie (biologisch) alt der Betreffende ist – was nicht verwundert, nachdem das Proteom erheblichen Einfluss auf das Altern nimmt. Auch liefert es die Begründung, warum das Blut junger Mäuse die Kognition und synaptische Plastizität  älterer Artgenossen verbessert. 1,2 . Wurden  z.B. in einer aktuellen Studie junge Tiere dazu gebracht, über einen Zeitraum von 6 Wochen mit einem Laufrad zu trainieren, übertrugen sich die damit erreichten kognitiven Verbesserungen (Lernen / Gedächtnis) per Bluttransfusion („Parabiose“) auch auf ältere „Couch-Potato-Mäuse“  bzw. erhöhte sich auch im Humanversuch ein bestimmtes damit zusammenhängendes Enzym (Gpld1) 3. Selbst Proteine bzw. Plasma, welches aus menschlichem Nabelschnurblut gewonnen wurde, aktivierte bei alten Mäusen (mit einem unterdrückten Immunsystem), die Neuronen des Hippocampus, also dem Ort, wo die Erinnerung entsteht – während junge Mäuse davon unbeeinflusst blieben 4.

So wundert es nicht, wenn in Kalifornien schon seit einigen Jahren Plasmainfusionen junger Spender angeboten werden.  Dies hat auch einige Startups wie Alkahest, Elivian oder Ambrosia Inc.  auf den Plan gerufen hat, die darin eine der größten  Anti-Aging-Hoffnungen der letzten Jahre sehen 5. Die amerikanische FDA sieht die Verfahren zwar noch immer als „unbewiesen“ und warnt vor möglichen Schäden (Anaphylaktischer Schock / Übertragung von Erregern)  6. In Anbetracht laufender Humanstudien dürfte es aber nur eine Frage der Zeit sein, bis es zu einer Neubewertung kommt.

Referenzen: 1 Lehallier B, Gate D, Schaum N et al. Undulating changes in human plasma proteome profiles across the lifespan. Nat Med. 2019 Dec 5; 25: 1843-1850  //  2 Villeda SA, Plambeck KE, Middeldorp J et al. Young blood reverses age-related impairments in cognitive function and synaptic plasticity in mice. Nat Med. 2014; 20(6): 659-663  //  3 Horowitz AM, Fan X, Bieri G et al. Blood factors transfer beneficial effects of exercise on neurogenesis and cognition to the aged brain. Science. 2020 Jul 10; 369(6500): 167-173  //  4 Castellano JM, Mosher KI, Abbey RJ et al. Human umbilical cord plasma proteins revitalize hippocampal function in aged mice. Nature. 2017; 534(7651): 488-492  //  5 Corbyn Z. Could “young” blood stop us getting old ? The Observer. Feb 2, 2020. //  6 Statement from FDA Commissioner Scott Gottlieb, M.D., and Director of FDA’s Center for Biologics Evaluation and Research Peter Marks, M.D., Ph.D., cautioning consumers against receiving young donor plasma infusions that are promoted as unproven treatment for varying conditions“. FDA. 19 February 2019. Retrieved 20 February 2019.

RK 13.07.2020


Tippelschritte deuten auf Potenzschwäche hin

Obwohl die Persönlichkeitsforschung eher dazu neigt, keinen Zusammenhang zwischen dem Charakter und dem persönlichen Gang- oder Laufstil zu sehen 1, sorgte vor einigen Jahren eine Studie für breites Medienecho, nach der sich die Aggressivität eines Menschen aus seinem Gangbild  erschließen lässt 2. Bei einigen ängstlichen Zeitgenossen des männliche Geschlechts mag das sicher dazu geführt haben, sich  in einem typisch „männlichen“ Gangstil zu üben. Inwieweit es ihnen aber gelungen ist,  ihre Umwelt damit zu täuschen, indem sie Brustkorb und  Becken beim Gehen stärker bewegten, bleibt dahingestellt. Doch kaum hat man seinen gewünschten Habitus halbwegs perfektioniert, sorgt schon eine weitere Studie für Verunsicherung, scheinen doch Tippelschritte darauf hinzudeuten, dass in der Potenz einige Schwäche zu vermuten sind. Mit anderen Worten: Je größer die Schritte im Verhältnis zur Körpergröße, um so besser scheint es um die erektile Funktion bestellt zu sein 3. Zwar mögen sich Betroffene damit trösten, dass die Studie doch aus Japan komme, also einem Land, das sowieso zu einer sex- und ehelosen Gesellschaft verkümmert, nachdem dort 63 % der japanischen Männer zwischen 25 und 35 Jahren noch nie in einer richtigen Beziehung waren 4. Doch wäre es allemal gesund, trainingstechnische Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, welche in der Potenzsteigerung erfolgreich sind 5.

Referenzen 1 Thoresen JC, Vuong QC, Atkinson A. First Impressions: Gait cues drive reliable trait judgements. Cognition. 2012; 124(3): 261-271  //  2 Satchell L, Morris P, Mills C et al. Evidence of Big Five and aggressive personalities in gait biomechanics. J Nonverb Behav. 2017; 41(1): 35-44. Epub 2016 Sep 6  // 3 Okamoto T, Hatakeyama S, Imai A et al. The relationship between gait function and erectile dysfunction: results from a community-based cross-sectional study in Japan. J Sex Med 2019; 16: 1922-1929  // 4 Meiji Yasuda Institute of Life and Wellness. 2016 survey regarding love and marriage among people aged 20-40 years old (9th edition: Marriage and childbirth) http://www.myilw.co.jp/research/report/2016_01.php  //  5  https://omedica.de/erektile-dysfunktion/

RK 08.07.20


ICD-11 – Altern ist eine Krankheit

Nach 12-jähriger Entwicklungsarbeit wurde im Frühjahr 2019 die 11. Revision der International Classification of Diseases (ICD) von der World Health Assembly (WHA) der WHO einstimmig verabschiedet und tritt bekanntlich im Januar 2022 als ICD-11  in Kraft 1. Sie enthält nun auch Störungen wie zwanghaftes Sexualverhalten, Video- und Onlinespielsucht oder sogar Trennungsangst 2  –  aber auch interessanterweise eine erweiterte Codierung XT9T  “Ageing Related”. Damit gilt Altern als ein Hauptrisikofaktor zu erkranken,  da Entzündungen, replikative zelluläre Seneszenz („Zelle hört auf, sich zu teilen“), immunologischen Seneszenz, Fehler in der Proteostase („Steuerung von Biogenese, Faltung und Abbau von intra- und extrazellulären Proteinen“), mitochondriale Dysfunktion, Tendenz zur Fibrosierung,  hormoneller Alterung, Änderung der Körperzusammensetzung etc. hierauf großen Einfluss nehmen 3. Die „Biogerontology Research Foundation“ sowie  „Longevity Alliance“  hatten deshalb schon  77 verschiedene altersbedingte Erkrankungen an die  WHO herangetragen 4 . Letztendlich  dürfte dies in der globalen Gesundheitspolitik zu einer stärkeren Fokussierung auf das biologische Altern führen  und auch die Entwicklung neuer Therapien forcieren.

1 World Health Assembly Update, 25 May 2019 (Press release). Geneva. Switzerland: WHO. 25 May 2019. Archived from the original on July 30, 2019  //  2 Weltgesundheits-versammlung beschließt die ICD-11. Dt. Ärzteblatt. 27. Mai 2019  //  3 Khaltourina D, Matveyev Y, Alekseev A et al. Aging fits the disease criteria of the International Classification of Diseases. Mech Ageing Dev. July 2020; 189: 111230  //  4 Public Release: 2-Jul-2018. World Health Organization adds extension code for “aging-related” via ICD-11.

RK 03.07.20


Tuberkuloseimpfung kann auch vor anderen viralen Infektionen schützen

Nach Erkenntnissen der letzten Jahre, schützt eine BCG -Impfung (Bacillus Calmette-Guérin) nicht nur vor einer Tuberkulose oder sogar  Lepra, sondern macht auch unempfindlicher gegenüber anderen Infektionen 1. Ähnliche, wenn zwar nicht  ganz so deutliche Effekte waren zwar auch schon durch andere Impfstoffen zu beobachten, allerdings immer nur dann, wenn ein Lebendimpfstoff („attenuierte Erreger“) zum Einsatz kam . So lag z.B. die  Kindersterblichkeit (Entwicklungsländer) bei Nichtgeimpften um das 2,3-fache höher als bei denjenigen, die einen Lebendimpfstoff (BCG) erhalten hatten 2.

In einer aktuellen Studie der Universitäten Nijmegen und Bonn ließ sich nun zeigen, dass unter BCG eine epigenetische Reprogrammierung  von im Knochenmark gebildete Immunzellen (Monozyten) erfolgt. Mit der Folge,  dass bestimmte Erbanlagen leichter und besser abgelesen werden können und dadurch z.B. mehr Zytokine (Entzündungsbotenstoffe) gebildet werden 3.  Gerade in heutigen Pandemiezeiten ist dies von nicht unerheblicher Relevanz. Auch dürften die Impfbefürworter ein weiteres Argument an die Hand bekommen, handelt es sich doch auch bei Vakzinen gegen  Masern, Mumps, Röteln und Varizellen um Lebendimpfstoffe.

1 Arts RJW, Moorlag SJCFM, Novakovic B et al. BCG vaccination protects against experimential viral infection in humans through the induction of c ytokines associated with trained immunity. Cell Host Microbe. 2018; 23: 89-100  //  2 Moulton LH, Rahmathullah L, Halsey NA et al. Evaluation of non-specific effects of infant immunizations on early infant mortality in a southern Indian population. Trop Med Int Health. 2005; 10(10): 947-955  //  3 Schlitzer A, Netea MG.  Tuberculosis vaccine strengthens immune system. Study by the Universities of Bonn and Nijmegen explains how BCG vaccination reduces susceptibility to infections. Rheinische Friedrich-Wilhelm-University Bonn. Press Release. 15. Juni 2020

RK 29.06.20


NMN – kollektives Aufatmen nach negativem Studienergebnis

Seitdem es vor einigen Jahren gelungen ist, mit dem Molekül NMN (Nicotinamid Mononucleotid) die NAD+-Konzentration in den Körperzellen beträchtlich anzuheben, hat ein weltweiter Run auf diesen Wunderstoff eingesetzt. Denn schließlich waren die Zellen alter Mäuse, nicht mehr von denen junger Artgenossen zu unterscheiden, wenn man ihnen eine Woche lang NMN gegeben hat 1,2,3 . Dahinter steckt die Erkenntnis, dass DNA-Schäden, die nicht mehr durch körpereigene Reparaturmechanismen zu beheben sind, die Hauptverantwortung für das natürliche Altern und auch die Krebsentstehung tragen. NMN besitzt aber das Potential, die  NAD+-Konzentration in den Zellen anzuheben, was einen starken Anstieg der DNA-Reparaturenzyms PARP1 zur Folge hat. Die damalige Ankündigung, dass man  2017  mit Humanstudien zu NMN beginnen wollte (Brigham and Women’s Hospital, Boston), ließ deshalb die Herzen der Anti-Aging-Jünger höher schlagen 4, hätte man dann vielleicht schon 2021 (zumindest in den USA) ein standardisiertes Medikament erwarten können.

Bei all den „sophisticated people“, die sich schon seit längerem „freihändig“ mit dem Molekül NMN supplementieren, machte sich nun für einen kurzen Augenblick Entsetzen breit. Denn in einer aktuellen Studie (Phase 1), in der es hauptsächlich um die Sicherheit von NMN ging,  waren überraschenderweise keine signifikanten Änderungen bei den verschiedenen Biomarker zu erkennen gewesen 5. Doch bei näherem Hinsehen konnte man hier sofort wieder Entwarnung geben, nachdem nur singuläre NMN-Dosen von  100, 250 und 500 mg NMN verabreicht worden waren, also eine Dosierung, die man als eher gering bezeichnen darf. Auch wurden die Laborparameter schon 5 Stunden nach der jeweiligen NMN-Gabe bestimmt, was viel zu kurz ist, um irgendwelche Reparaturmechanismen anzuschieben. So heißt es weiter warten, bis die Ergebnisse der Brigham-Studie zur Verfügung stehen.

1 RajmanL, Chwalek K, Sinclair DA. Therapeutic potential of NAD-boosting molecules: The In vivo evidence. Cell Metabol. 2018; 27(3): P529-547  //  2 Mills KF, Yoshia S, Stein LR. Uc K. Long-term administration of nicotinamide mononucleotide mitigates age-associated physiological decline in mice. Cell Metabol. 2016; 24(6): P795-806  //  3 Lin JB, Kubota S, Ban N  et al.  NAMPT-mediated NAD+ biosynthesis is essential for vision in mice. Cell Rep. 2016; 17: 69–85  //  4 Drug to reverse ageing likely by 2020. Clinical trial on patients in 6 mths after promising results on mice. Daily Mirror. March 25, 2017  //  5 Irie J, Inagaki E, Fujita M et al. Effect of oral administration of nicotinamide mononucleotide on clinical parameters and nicotine metabolite levels in healthy men. Endocrine J. 2020; 67(2): 153-160

RK 25.06.2020


Epigenetische Uhr – Altersvorhersage 2.0 durch deep learning

Mit der vor einigen Jahren entdeckten „Epigenetischen Uhr“ 1 und einem Speicheltest zur Altersbestimmung 2, womit sich das Alter eines Menschen erstaunlich genau bestimmen lässt, kamen seinerzeit Zweifel auf, ob denn tatsächlich gesundes Essen, wenig Stress oder viel Bewegung, auf den Alterungsvorgang großen Einfluss nehmen können. Zwar bestimmen Umwelteinflüsse sehr wohl darüber, welche Gene abgelesen werden, aber halt nicht so sehr stark. Zur Erläuterung: Unter Epigentik versteht man eine „Erbgutanalyse“, bei der man die Methylgruppen der DNA, mit der die Zelle die Aktivität von Genen steuert, untersucht (DNAm). Und nachdem im Laufe unseres Lebens Methylgruppen angehängt, entfernt oder etwa verschoben werden, ergibt sich daraus ein individuelles Muster, das man messen kann und womit die noch verbleibende Lebenszeit einigermaßen gut abzuschätzen ist (MAE < 4 / Mean Absolute Error). Wohinter sich aber, wie man inzwischen weiß,  eine Reihe nicht beachteter technischer Schwächen verbergen. In einer aktuellen Review zum neuesten Stand der Technik finden nun Überlegungen statt, wie die Funktionsfähigkeit der  epigenetischen Uhr – über die Altersvorhersage hinaus –  durch „deep learning“ erweitert werden kann 3

1 Horvath S. DANN methylation age of human tissues and cell types. Genome Biol. 2013; 14(10): R115  //  2 Bell CG, Lowe R, Adam PD  et al. DNA methylation aging clocks: challenges and recommendations. Genome Biol. 2019; 20(1): 249  //  3 Galkin F, Mamoshina P, Aliper A et al. Biohorology and biomarkers of aging:  current state-of-the-art, challenges and opportunities. Ageing Res Rev. July 2020; 60: 101050

RK 01.06.2020


Zweiter Anlauf  –  Weiteres Sexualstimulantium für die Frau zugelassen

Nach dem Flop von Flibanserin, einer auch als  „Pink Viagra“ titulierten Lustpille (Addyi®) der Frau 1, hat die US-amerikanischen FDA im Sommer letzten Jahres mit Bremelanotide (Vyleesi®) einen neuen Wirkstoff zugelassen, der nun eher das halten könnte, was er verspricht. Grundlage waren zwei 24-wöchige randomisierte und placebokontrollierte  Doppelblindstudien, an denen 1 247 Frauen mit einer sog. „hypoaktiven sexuellen Regulationsstörung vor den Wechseljahren“ (HSDD) teilgenommen hatten. Mit einer Zunahme um 1.25 – 1.30 Punkte im Sexual Function Index (FSFI) / Domain Sexuelles Verlangen bzw.  einer Abnahme im Female Sexual Distress Scale / Domain Verlangen, Erregung und Orgasmus um 1,4 – 1,7 Punkte, fiel das Ergebnis allerdings eher bescheiden aus (Placebo 0,70- 0,77 bzw. – 0,9) 2 — was nun auch in einem aktuellen Review bestätigt wird 3 . Als häufigste unerwünschte Wirkungen werden Übelkeit (39,9 %), Gesichtsrötung (20,4 %) und Kopfschmerzen (11 %) genannt. Bei Bremelanotide handelt es sich um eine subkutane Injektion, die man sich ungefähr eine dreiviertel Stunde vor dem Geschlechtsverkehr selbst spritzen sollte.

1 Jaspers L, Feys F, Bramer WM et al. Efficacy and safety of Flibanserin for the treatment of hypoactive sexual desire disorder in women. A systematic Review and Metaanalysis. JAMA Intern Med. 2016; 176(4): 453-462 // 2 Simon JA, Kingsbergg SA, Portman D et al. Long-term safety and efficacy of Bremelanotide for hypoactive sexual desire disorder. Obstet Gynecol. 2019; 134(5): 909-917 // 3 Mayer D, Lynch SE. Bremelanotide: New drug approved for treating hypoactive sexual desire disorder. Ann Pharmacother. 2020 Jan 1: 1060028019899152

RK 18.05.2020


Aminosäure Leucin –  Wirkung geht weit über den  Kraftsport hinaus

Die in BCAA (Branched Chain Amino Acids) enthaltene essentielle Aminosäure Leucin, spielt vor  allem im Kraft- und Ausdauersport eine wichtige Rolle, da sie den Muskelaufbau verbessert und die schnelle Ermüdung bei Ausdauerbelastungen verlangsamen kann. Weniger bekannt sind ihre Anti-Adipositas-Effekte, nachdem sie nicht nur die Lipolyse und den Abbau von Fettsäuren (ß-Oxidation) fördert 1, sondern auch einen erhöhten Blutzuckerspiegel senkt  2.

In einem  kürzlich publizierten Review, wurde nun nochmals die leucinbedingte Fettverbrennung und auch offensichtliche Wirksamkeit bei mitochondrialer Dysfunktion untersucht. Man kommt zur Schlussfolgerung,   dass sich bei dieser bisher nur wenig beachteten Aminosäure, völlig neue Strategien zur Behandlung neurodegenerativer sowie kardiovaskulärer Erkrankungen, Adipositas, Diabetes, aber auch im Bereich Longevity ergeben könnten 3.

1 Koh PL, Ho JP, Pang C et al. The role of leucine in stimulation of adipocyte lipolysis. Diabetes Res Clin Pr. 2016; 120: S181–S182 // 2 Manders RJF, Praet SFE. Meex RCR et al.  Protein hydrolysate/leucine co-ingestion reduces the prevalence of hyperglycemia in type 2 diabetic patients. Diabetes Care 2006, 29, 2721–2722 // 3 Zhang L, Li F, Guo Q et al.  Leucine Supplementation: A Novel Strategy forModulating Lipid Metabolism and Energy Homeostasis. Nutrients 2020; 12: 1299; doi:10.3390/nu12051299

RK 12.05.2020


Jod verlängert die Lebenszeit älterer Menschen

In einer aktuellen Studie, wurde der Einfluss einer  jodreichen Ernährung auf die Langlebigkeit älterer Menschen (74 – 79 Jahre / n = 218) untersucht. Nach einem 20-jährigen Follow-up stellte sich nun heraus, dass Personen, die in einer jodreichen Umgebung lebten, einem um 40 % niedrigeren Sterberisiko unterlagen (HR Hazard ratio 0,60 / p = 0,006),  als diejenigen aus einem jodarmen Gebiet 1.

1 Riis J, Pedersen KM, Danielsen MB et al. Long-term iodin nutrition is associated with longevity in older adults: a 20-year follow-up of the Randers-Skagen study. Br J Nutr. 2020; May 7: 1- 15, doi: 10.1017/S0007114520001592. Epub ahead of print

RK 09.05.2020


Morbus Alzheimer – wohl das Ergebnis einer viralen Infektion

Schon 1997 sorgte eine „Nonnenstudie“ für ungläubiges Erstaunen, zeigte sich doch  bei Schwester Mary („Kongregation der armen Schulschwestern von unserer lieben Frau“), die bis an ihr Lebensende (101 Jahre) immer körperlich und  geistig fit gewesen war, eines der schlimmsten „Alzheimergehirne“, die man bis dahin gesehen hatte. Auch wiesen in dieser Kohortenstudie (678 katholische Nonnen  / Ø 85 Jahre) zwar viele der Schwestern die für Morbus Alzheimer typischen Plaquebildungen auf. Nur waren diese nur bei etwa zehn Prozent der Frauen mit einer dementiellen Symptomatik in Einklang zu bringen 1.

Nachdem aber Beta-Amyloid-Plaques, wegen ihrer antimikrobiellen Wirksamkeit (Viren, Bakterien), wohl als Teil der angeborenen Immunabwehr zu betrachten sind 2 und sich dort in neunzig Prozent der Fälle die DNA von Herpesviren (HSV1) finden lässt 3, wurde schon bald die Frage aufgeworfen, ob es sich bei Alzheimer (AD) denn nicht um ein infektiöses Geschehen handeln könnte. Denn die sog. Tau-Proteine, die den Beta-Amyloiden folgen, scheinen sich in den Nervenzellen ähnlich einer Infektion auszubreiten 4.

In einem aktuellen systematischen Review vom April 2020, das 51 Studien mit insgesamt 108 723 Teilnehmern umfasste, kommt man nun zum Ergebnis, dass bei der Entstehung von AD offensichtlich Infektionen eine wichtige Rolle spielen und daran Chlamydien sowie Herpes- und Epstein-Barr-Viren beteiligt sind 5. Dementsprechend dürfte es sich bei der bisherigen Alzheimerforschung, die sich fast ausschließlich der Beseitigung des „bösen“ Beta-Amyloids gewidmet hat, um eines der größten Wissenschaftsirrtümer der letzten Jahrzehnte handeln.

1 Snowdon DA. Aging and Alzheimer’s disease: lessons from the nun study. Gerontologist. 1997; 37(2): 150-156  //  Itzhaki RF, Wozniak MA. Could antivirals  //   2 Soscia SJ, Kirby JE, Washicosky KJ et al. The Alzeimer’s disease-associated amyloid beta-protein is an antimicrobial peptide. PLoS One. 2010; 5(3): e9505 // Bertram L, Tanzi RE. Alzheimer disease: new light on an old CLU. Nat Rev Neurol. 2010; 6(1): 11-13  //  4 Franzmeier N, Neitzel J, Rubinski A et al. Functional brain architecture is associated with the rate of tau accumulation in Alzheimer’s disease. Nat Commun. 2020; Jan 17; 11(1): 347  //   5 Qi YN, Zhu JX, Hou XH et al. Associations of infectious agents with Alzheimer’s disease: a systematic review and meta-analysis.  J Alzheimers Dis. 2020 Apr 6. doi: 10.3233/JAD-191337. Epub ahead of print.

RK 05.05.20


Ritalin erhöht die Motivation, steigert aber nicht die kognitive Leistungsfähigkeit

Motivation, Neugierde und Lernbereitschaft sind nicht einfach so angeboren, sondern haben sehr viel mit dem Neurotransmitter Dopamin zu tun. Denn seine Konzentration entscheidet letztendlich darüber,  wie energisch und zielgerichtet wir einer Aufgabe entgegensehen 1. Dies bestätigt sich nun auch in einer Studie mit dem Neuroenhancer Methylphenidat („Ritalin“), welcher bekanntlich die Dopaminkonzentration in einem bestimmten Hirnteil („Striatum“)  erhöhen kann. Folgerichtig  steigerte sich bei Probanden, die nur über einen sehr niedrigen  Dopaminlevel  verfügten, durch  Methylphenidat die Motivation, sich an die Lösung einer schweren Aufgabe zu machen. Bei  Versuchsteilnehmern mit einer normal  hohen Dopaminkonzentration statt dessen, blieb Ritalin wirkungslos 2. Dies entspricht auch den bisherigen Erfahrungen, dass Ritalin bei gesunden Kindern (und Erwachsenen)  nicht wirkt, nachdem damit auch keine direkte kognitive Leistungssteigerung verbunden ist.

1 Hamid A, Pettibone J, Mabrouk O et al. Mesolimbic dopamine signals the value of work. Nat Neurosci. 2016; 19: 117-126  // 2 Westbrook A, van den Bosch R, Määttä JI et al. Dopamine promotes cognitive effort by biasing the benefits versus costs of cognitive work. Science. 2020; 367(6484): 1362-1366

RK 03.05.2020


Prostatakarzinom: Zweifel am bisherigen Dogma einer Hormonblockade

Um  bei einem fortgeschrittenen Prostatakarzinom das Wachstum von Karzinomzellen zu stoppen, gilt die Antihormontherapie als Mittel der Wahl. Dabei wird entweder die Signalwirkung von Testosteron auf die Zielzellen blockiert oder die Testosteronsynthese in den Hoden gleich ganz verhindert. Nun lässt eine bereits 2019 publizierte Studie aufhorchen, stellt sie doch die bisherige Lehrmeinung auf den Kopf. So erhielten Männer (niedriges präoperatives freies Testosteron), die sich einer radikalen Prostatektomie unterzogen hatten, eine Testosteronsubstitution (TRT), damit sich ihre Sexualfunktion verbessert. Zur Überraschung der Studienautoren, führte die TRT zu einer längeren rezidivfreien Zeit und verzögerte auch die Progression der Erkrankung – verglichen mit der Patientengruppe mit einer Standardtherapie 1.

1 Towe MM, Huynh LM, El-Khatib F et al. The predictive power of free (vs. total) testosterone in aggressive prostate cancer. J Clin Oncol. 2019; 37(15 Suppl): DOI: 10.1200/JCO.2019.37.15_suppl.e16570

RK 22.04.2020


Aktueller Marktreport zum natürlichen Antibiotikum / Virostatikum Colostrum

Laut aktuellem Report des Markforschungsunternehmens „360 Market Updates“, erreicht der Markt für bovines Colostrum in 2020 etwa 126,1 Mio. USD und wird 2026 –  bei einer Wachstumsrate (CAGR Compound Annual Growth Rate) von jährlich 8,8 % –  etwa 229,1 Mio. USD erreichen. Als wichtige Anbieter werden u.a. PanTheryx (APS BioGroup / La Bell, Inc.). Colostrum BioTec Germany, Immuno- Dynamics, Ingredia Nutritional, New Image, Biostrum Nutrtech, Imu-Tek etc. genannt 1

1 Bovine Colostrum Market 2020 – 2026: Research Report by Key Companies, Future Trend, Pipeline Projects, Product, Application, Growth and Regional Forecasts. Press release April 15, 2020 / www.marketwatch.com .

20.04.2020


LSX Nordic Congress

Strategy, Investment, Partnering & Deal Making for Nordic Life Science Executive Leaders

3rd Annual Conference

September 2 – 3, 2020 / Virtual experience

Nasdaq Offices Stockholm, Sweden

https://www.lsxleaders.com/lsx-nordic-congress


Es muss nicht immer Oralsex sein

In einer kürzlich publizierten Studie wird zwar bisherigen Erkenntnissen widersprochen 1 , dass das in hoher Konzentration in der männlichen Samenflüssigkeit enthaltene Spermidin, die Lebenszeit erheblich verlängern kann. Allerdings fördert es im Tierversuch die Gewichtsreduktion bzw. verbessert die Nieren-, Leber- und Herzfunktion. Auch wirkt es in bestimmten Gehirnregionen anti-entzündlich, vermindert  Angst und führt zu einer Steigerung von Antrieb und Interesse 2. Weniger bekannt ist, dass  einige spermidinreiche Lebensmittel zur Verfügung stehen. So liegt es auf jeden Fall nahe, eine Ernährungsumstellung in Betracht zu ziehen.

1 Kiechl S, Pechlaner R, Willeit P et al. Higher spermidine intake is linked to lower mortality: a prospective population-based study. Am J Clin Nutr. 2018; 108(2): 371-380   // 2 Filfan M, Olaru A, Udristoiu I et al. Long-term treatment with spermidine increases health span of middle-aged Sprague-Dawley male rats. Geroscience. 2020; Apr 13; doi: 10.1007/s11357-020-00173-5. Epub ahead of print

RK 15.04.20


Was in der Coronakrise leicht in Vergessenheit gerät

Herz-Kreislauf-Tote BRD 2017 1         265 357

Krebstote in BRD  2017 2                     235 700  (EU 1, 428 Mio. / Prediction 2020 6 )

COPD-Kranke in Klinik 2017  3            241 742

COPD-Tote  BRD 2017  4                         32 104

Covid-19-Tote BRD 5                                 2 736  (10 281/ Stand 29.10.20)

Covid-19-Tote weltweit                     472 171  (Stand 23.06.20) (1 175 148/ Stand 29.10.20)

1 Statistisches Bundesamt  Okt 2019  / 2 Statistisches Bundesamt Okt 2019 / 3 Statistisches Bundesamt Okt 2019 / 4 Statistisches Bundesamt Okt 2019 / 5 Johns Hopkins University 11.04.20 / 6 Carioli G, Bertuccio P, Boffetta P et al. European cancer mortality predictions for the year 2020 with a focus on prostate cancer. Annals of Oncology, April 19, 2020. https://doi.org/10.1016/j.annonc.2020.02.009

RK 11.04.2020 / update 29.10.20


Mit etwas Augenzwinkern: Immunstimulation à la Samoa

In Zeiten von Covid-19 und einer wachsenden Flut mehr oder weniger seriöser Empfehlungen zur prophylaktischen Immunstimulation, sei nochmals an eine Studie aus dem Herbst 2019 erinnert, die sich auf die altüberlieferte Tradition des Tätowierens  der Samoa-Insulaner bezieht 1.  Offensichtlich führt das wiederholte Stechen von Tattoos, zu einem nachhaltigen Anstieg der sIgA (sekretorische IgA), also Immunglobulinen oder Antikörpern, welche sich in den Schleimhäuten bilden und auch im Blut vorzufinden sind und den Körper vor dem Eindringen von Viren, Bakterien und anderen Krankheitserregern schützen. Erklärt wird dies u.a. durch eine allfällige adaptive Immunantwort nach Verletzungen, also dem Bemühen der Lymphozyten, die hochspezifischen Oberflächenmerkmale von vermeintlichen Eindringlingen zu erkennen.

1 Lynn CD, Howells M, Herdrich D et al. The evolutionary adaptation of body art: tattooing as costly honest signaling of enhanced immune response in American Samoa. Am J Biol.  2019 Oct 26; doi.org/10.1002/ajhb.23347

RK 09.04.2020


Erfolgreiche Migränebehandlung durch rPMS des oberen Rückens 1

Mit nur sechs Anwendungen im Bereich der Trapezius- und Deltoideus-Muskeln des Rückens, ist es mit der repetitiven peripheren Magnetstimulation (rPMS) gelungen, die Anfallshäufigket bei Migränepatienten signifikant zu verringern 1 .  Legt man das MIDAS-Scoring (Migraine Disability Assessment) zugrunde, welches die funktionellen Beeinträchtigungen durch Kopfschmerzen (insbesondere Migräne) in den vorausgegangenen drei Monaten erfasst, ergibt sich ein relativ klares Bild: So verbesserte sich der Score von ursprünglich 29 auf 13 Punkte ( M. trapezius) bzw. von 31 auf 15 Punkte (M. deltoideus).

1 Rennet T, Sollmann N, Heinen F et al. Alleviation of migraine symptoms by application of repetitive peripheral magnetic stimulation to myofascial trigger points of neck and shoulder muscles – a randomized trial. Sci Rep. 2020 Apr 6; 10(1): 5954

RK 07.04.2020


Nochmals bestätigt: Gesamtmortalität sinkt mit dem täglich absolvierten Schrittpensum

Laut einer aktuellen Studie 1 besteht zwischen dem täglich absolvierten Schrittpensum und der Gesamtmortalität ein deutlicher Zusammenhang. Während die Mortalität bei Personen mit täglich weniger als 4 000 Schritten  77 / 1000 Personenjahre beträgt, liegt sie bei mehr als 12 000 Schritten bei unter 5, was ungefähr einem Sechzehntel entspricht.

1 Saint-Maurice PF, Troiano RP, Bassett DR Jr et al. Association of daily step count and step intensity with mortality among US adults. JAMA. 2020; 323(12): 1151-1160

06.04.2020


Europäische Kommission will Inkrafttreten der neuen MDR-Verordnung auf 2021 verschieben

Als Reaktion auf die Pandemie mit dem Coronavirus, hat die Europäische Kommission an den Rat der EU-Staaten sowie das Europäische Parlament appelliert, die Anwendung der neuen MDR (Medical Device Regulation), die eigentlich zum 26. Mai 2020 in Kraft treten soll, um ein Jahr zu verschieben. Damit sollen Lieferengpässe in der derzeit angespannten Lage und eine Unterbrechung  bei der Versorgung mit medizinischen Geräten vermieden werden.

25.03.2020

Update: Durch Europäisches Parlament am 17.04.20 beschlossen


World Health Summit

Berlin . Germany . October 25 – 27 , 2020

2 500 Paticipants . 300 Speakers . 100 Countries . 50 Sessions

A leading international forum for global health. With science, politics, the private sector, and civil society – with inspiring talks, enhanced cooperations, and new solutions


Human Enhancement 2020

Laut dem Marktinformationsdienst Mordor Intelligence liegt die jährliche Wachstumsrate (CARG Compound Annual Growth Rate)  im Markt Human Enhancement für den Prognosezeitraum 2020 – 2025 bei 38 %, so dass  im Jahre 2025 ein Volumen von über 1,925 Milliarden USD erwarten ist. Dies ist natürlich nicht mit dem  globalen Markt für Longevity-Produkte zu vergleichen, der im Jahre 2020 etwa 55 Millarden USD erreichen wird.


Longevity März 2020

Chen Y, Zhang S, Zeng B et al. Transplant of microbiota from long-living people to mice reduces aging-related indices and transfers beneficial bacteria. Aging. 2020; 12: https://doi.org/10.18632/aging.102872 [Epub ahead of print]

Personen aus Landesteilen („Blue Zones“), in denen die Menschen überdurchschnittlich länger leben,  besitzen eine höhere mikrobiotische Diversität als junge Menschen aus dem selben Land [1]. Wird z.B. der  Stuhl solcher Menschen auf Mäuse transplantiert, verbessert sich nicht nur deren intestinale Mikrobiota, nehmen die kurzkettigen Fettsäuren (SCFA)  zu und verlängern sich die Zotten des Darms, sondern reduziert sich auch das gefährliche Lipofuszin und die ß-Galactosidase.  Das hat ein immense Bedeutung, häuft sich doch mit zunehmendem Alter das Lipofuszin besonders in Herzmuskel-, Leber, Nerven- und Retinazellen an und führt zu deren Apoptose (Absterben) oder gilt eine erhöhte ß-Galactosidase-Aktivität als ein molekularer Marker für seneszente (alternde) Zellen.

[1] Kong F, Deng F, Li Y, Zhao J. Identification of gut microbiome signatures associated with longevity provides a promising modulation target for healthy aging. Gut Microbes. 2019; 10:210–215.

RK 12.03.20


AGEING SCIENCE | AGEING WELL | LONGEVITY RISK

The Longevity Leaders World Congress took place 19-22 May 2020 as a virtual event

In light of Covid-19 this event wil no longer take place in April. New dates will be announced soon

2nd Longevity Leaders Congress
21-22 April 2020
London, UK

https://www.lsxleaders.com/longevity-leaders-congress


Neue EU-Medizinprodukte-Verordnung

Laut Bundesverband für Medizintechnologie beschäftigt die deutsche Gesundheitswirtschaft 7,6 Millionen Menschen und erwirtschaftet fast 370 Milliarden Euro [1]. Von jährlichen Wachstumsraten von bis zu 7 % verwöhnt, hat sich 2019 die Stimmung im Medizintechnikmarkt, der auf einen Gesamtumsatz von 30,4 Milliarden Euro kommt, aber deutlich eingetrübt.

Mit einer zu erwartenden Umsatzsteigerung (Inland) um 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr (4,3 %) [2], sind dies natürlich Klagen auf hohem Niveau. Hauptgrund ist die neue EU-Medizinprodukte-Verordnung (Medical Device Regulation MDR), die zu längeren Bewertungsverfahren und steigenden Preisen bei den Benannten Stellen führt.

Gerade wegen den verschärften Anforderungen an die technische Dokumentation, umfangreichen Vorgaben an die Post-Market-Surveillance sowie der deutlich detaillierteren Regelung für die klinischen Bewertungen und Prüfungen ist es deshalb erforderlich, sowohl in der Produktzulassung, als auch in der Produktbegleitung, für eine saubere Dokumentation zu sorgen.

[1] BVMed: Branchenbericht für Medizintechnologie, Stand 21. Nov. 2019
[2] BVMed: https://www.bvmed.de/de/branche/lage-der-branche


MP-Anpassungsgesetz und keine Ende

Nach dem Medizinprodukte-Anpassungsgesetz, das nach einer Übergangsfrist von drei Jahren im Mai diesen Jahres in Kraft tritt, müssen alle Medizinprodukte neu zertifiziert werden, also auch diejenigen, die sich bereits länger auf dem Markt befinden. Zugleich müssen auch die europaweit 58 Benannten Stellen, die für die Zertifizierung der Produkte zuständig sind, selbst einen Zertifizierungsprozess durchlaufen, um zu belegen, dass sie den verschärften Anforderungen der Verordnung entsprechen. Bislang sind jedoch erst 9 nach neuem Recht bestätigt. Auch die Europäische Datenbank für Medizinprodukte (Eudamed) wird wohl erst 2022 voll funktionsfähig sein [1] .

[1] Korzilius H. Medizinproduktegesetz, Einzelne Punkte nachbessern. Deutsch. Ärztebl. 2020; 117(5): C 173